© 1999
François Bry
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4.9 Der Endlichkeitssatz
Satz 4.9.1
(Endlichkeits- oder Kompaktheitssatz)
Sei
S eine unendliche Menge
von geschlossenen Formeln einer Sprache

der Prädikatenlogik
erster Stufe. Ist jede endliche Teilmenge von
S
erfüllbar, so ist
S erfüllbar.
Beweis:
Da
abzählbar ist und es somit insgesamt nur abzählbar viele
-Formeln gibt,
ist S abzählbar unendlich.
Nach Satz 3.8.22 gibt es eine Erweiterung
sko von
um abzählbar viele
Funktionssymbole und eine abzählbar unendliche Menge
Ssko von universellen geschlossenen
sko-Formeln,
so dass S genau dann ein Modell
hat, wenn Ssko ein Modell hat. Zu jeder Formel
F∈S sei
Fsko∈Ssko die
eineindeutig zugeordnete universelle Formel. Sei o.B.d.A. jedes
Fsko in Pränexform.
Zu jedem F∈S sei
F* die Menge der Grundinstanzen von
Fsko. Sei S* die Vereinigung all
dieser Mengen. Nach Satz 3.8.16 ist
Ssko und damit S genau dann erfüllbar, wenn
S* ein Herbrand-Modell
besitzt. Wie im Beweis von Satz 4.6.1
können wir S* als aussagenlogische Formelmenge
ansehen.
Mit diesen Vorbereitungen zeigen wir jetzt die Kontraposition
der Behauptung. Sei also S
unerfüllbar. Dann ist S* unerfüllbar. Nach dem
Endlichkeitssatz für die Aussagenlogik
(Satz 3.3.9) gibt
es eine unerfüllbare endliche Teilmenge
{G1,...,Gn}⊆S*.
Zu jeder der Formeln Gi sei
Fi∈S eine Formel mit
Gi∈Fi*. Es gibt zu jedem
Gi mindestens eine solche Formel (es kann auch beliebig
viele geben). Nun ist {F1,...,Fn}
eine Formelmenge, deren Menge von Grundinstanzen
F1*∪ ... ∪Fn*
die unerfüllbare Teilmenge {G1,...,Gn}
enthält und damit selbst
unerfüllbar ist. Nach Satz 3.8.16 ist
{F1,...,Fn} unerfüllbar, und es ist
eine endliche Teilmenge von S.
Wie bereits in Kapitel 3 erwähnt, bezieht sich der
Name ,,Kompaktheitssatz`` auf einen Beweis des Satzes, der auf der
Kompaktheit eines topologischen Raums beruht. Eine andere
verbreitete Technik zum Beweis des Endlichkeitssatzes setzt eine
Beweismethode voraus. Zum Beispiel ist die
PUHR-Tableau-Beweismethode vollständig bezüglich der
Unerfüllbarkeit auch unendlicher bereichsbeschränkter
Klauselmengen. Da jedes geschlossene PUHR-Tableau endlich ist, wird
darin die PUHR-Regel nur mit endlich vielen Klauseln angewandt, und
die entsprechende endliche Teilmenge von Klauseln ist
unerfüllbar. Damit ist der Endlichkeitssatz für
bereichsbeschränkte Klauseln eine einfache Folge aus diesem
Vollständigkeitsergebnis.
Der Satz gilt auch für die Prädikatenlogik erster
Stufe mit Gleichheit:
Folgesatz 4.9.2.
Sei
S eine unendliche Menge von geschlossenen Formeln einer Sprache

der Prädikatenlogik erster
Stufe mit Gleichheit. Hat jede endliche Teilmenge von
S ein
normales Modell, so hat
S ein normales
Modell.
Beweis:
Hat jede endliche Teilmenge von S ein normales Modell, hat nach
Satz 3.6.6 (1) auch jede
endliche Teilmenge von
S∪
ein Modell.
Nach dem Endlichkeitssatz besitzt folglich auch
S∪
ein Modell
M, also nach Satz 3.6.6 (2)
auch ein normales Modell M'. Da S⊆S∪
,
ist M' ein normales Modell von S.
Folgesatz 4.9.3.
Sei
S eine unendliche Menge von geschlossenen Formeln einer Sprache

der Prädikatenlogik erster Stufe, und sei
F eine geschlossene

-Formel.
S
F
genau dann, wenn es eine endliche Teilmenge
E von
S gibt, so dass
E
F.
Beweis:
Unmittelbare Folgerung aus Satz 4.9.1.
Mit dem Endlichkeits-/Kompaktheitssatz lassen sich viele bemerkenswerte Resultate beweisen.
Es folgen einige Beispiele
davon.
Ein gerichteter Graph ist ein Paar
bestehend aus eine Menge von Knoten und einer zweistelligen
Relation über der Knotenmenge. Die Paare von Knoten in dieser
Relation nennt man Kanten. Ein Pfad ist eine endliche Folge
N0 ... Nn
von Knoten, so dass (Ni-1,Ni) für
1≤i≤n eine
Kante ist. Die Anzahl n
der Kanten nennt man die Länge des Pfads. Ein gerichteter
Graph heißt zusammenhängend, wenn es
zu jedem Paar N,N' von Knoten einen Pfad
gibt, der mit N beginnt und
mit N' endet.
Satz 4.9.4.
Der Zusammenhang von gerichteten Graphen ist in der PL1S nicht ausdrückbar.
Beweis:
Sei
ein Sprache der PL1S mit Gleichheit mit zwei Konstanten a und
b und einem zweistelligen Relationssymbol k. Jede
normale
-Interpretation
M entspricht einem
Graph mit dem Universum von M als Knotenmenge
und kM als Kantenrelation. Alle
Terme, insbesondere a und b, repräsentieren also
Knoten. Offensichtlich entspricht jeder Graph einer solchen Interpretation.
Angenommen, es gäbe eine Menge Z von Formeln der PL1S,
die den Zusammenhang ausdrückt. Genauer heißt das, dass eine normale
-Interpretation
genau dann ein Modell von Z ist,
wenn sie einem Graph entspricht, in dem es einen Pfad gibt von dem Knoten, den
a repräsentiert, zu dem
Knoten, den b repräsentiert.
Nun betrachten wir folgende Formeln.
| F0 |
:= |
¬(a b) |
| F1 |
:= |
¬k(a,b) |
| F2 |
:= |
¬∃x1∧*(k(a,x1,k(x1,b)) |
| F3 |
:= |
¬∃x1∃x2∧*(k(a,
x1),k(x1,x2),k(x2,b)) |
| F4 |
:= |
¬∃x1∃x2∃x3
∧*(k(a,x1),k(x1,x2),k(x
2 ,x3),k(x3,b)) |
| ... |
|
|
| Fn |
:= |
¬∃x1...∃xn-1
∧*(k(a,x1),k(x1,x2),...,k(xn-1 ,b)) |
| ... |
|
|
Sei S0:=F0 und
Sn+1:=Sn∪Fn+1
für alle n∈
und
S*:=∪n∈
Sn.
Erfüllt eine normale
-Interpretation
die Formel Fn,
entspricht sie einem Graphen, in dem es keinen Pfad der Länge
n zwischen den durch a und b repräsentierten Knoten
gibt. Erfüllt sie die Formelmenge Sn,
gibt es zwischen diesen Knoten keinen Pfad einer Länge ≤n.
Erfüllt sie S*, gibt es keinen Pfad zwischen diesen Knoten.
Für jedes n∈
ist Z∪Sn erfüllbar: Jeder Graph,
in dem es zwischen den betrachteten Knoten einen Pfad einer Länge
>n gibt, entspricht einem normalen Modell. Damit hat auch jede
endliche Teilmenge von Z∪Sn ein normales Modell, und somit
auch jede endliche Teilmenge von Z∪S*.
Nach dem Endlichkeitssatz gibt es ein normales Modell von
Z∪S*. In dem Graphen, der dieser
Interpretation entspricht, gibt es aber keinen Pfad von dem Knoten,
den a repräsentiert,
zu dem Knoten, den b repräsentiert, im Widerspruch zu der Annahme
über Z.
Satz 4.9.5.
Die Endlichkeit ist in der PL1S ohne Gleichheit nicht ausdrückbar.
Beweis:
Sei
+
=
\{0}.
Sei
eine Sprache der PL1S
ohne Gleichheit mit abzählbar vielen einstelligen Relationssymbolen
{pi | i∈
+}.
Angenommen, es gäbe eine Menge E von
-Formeln, die die Endlichkeit
ausdrückt. Das heißt, dass E von
-Interpretation genau dann
erfüllt wird, wenn diese Interpretation ein endliches Universum hat. Wir
nehmen o.B.d.A. an, dass die Relationssymbole pi nicht
in E vorkommen.
-
Für alle n∈
+ und
für i∈{1, ..., n} sei
Fn:=∃x1...∃xn
∧*(G1,G2,...,Gn)
Gi:=∧*(¬p1(xi), ...,
¬pi-1(xi),pi(xi),
¬pi+1(xi), ...,
¬pn(xi))
Für jedes n∈
+ wird
Fn offensichtlich nur von Interpretationen
erfüllt, deren Universen mindestens n Elemente enthalten.
-
S1:={F1} und
Sn+1:=Sn∪{Fn+1}
für n∈
+
und S*:=∪n∈
+Sn.
Offensichtlich wird S* nur von Interpretationen erfüllt, deren
Universen unendlich sind.
Für jedes
n∈

ist
E∪
Sn erfüllbar: Nach
Annahme über
E ist jede

-Interpretation, deren Universum endlich ist und
mindestens
n Elemente hat, ein Modell von
E∪
Sn
. Damit hat auch jede endliche Teilmenge von
E∪
S* ein Modell, und
somit auch jede endliche Teilmenge von
E∪
S*.
Nach dem Endlichkeitssatz gibt es ein Modell von E∪S*, was zusammen mit 2. der Annahme
über E widerspricht.
Der Beweis überträgt sich wortwörtlich auf
normale Interpretationen.
Satz 4.9.6.
Die Endlichkeit ist in der PL1S mit Gleichheit nicht ausdrückbar.
In der Hoffnung, Satz 4.9.6
zu widerlegen, könnte man versuchen, folgendermaßen zu
argumentieren: Für n∈
+
sei
Fn=∀x1 ... ∀
xn+1∨*xn+1 ...= x1,
xn+1 ...= x2, ...,
xn+1 ...= xn)
Für jedes
n∈
+ wird
Fn offensichtlich nur von Interpretationen
erfüllt, deren Universen höchstens
n Elemente
enthalten.
Die unendliche Disjunktion aller Fn
für n∈
+ würde die
Endlichkeit ausdrücken, wenn sie eine Formel wäre. Aber das ist sie
nicht.
Hier zeigt sich eine Asymmetrie in der PL1S: Eine unendliche
Menge von Formeln ist ein Ersatz für die (nicht
zulässige) unendliche Konjunktion aller dieser Formeln. Es
gibt aber kein ähnliches Gegenstück zu einer unendlichen
Disjunktion. Der Existenzquantor entspricht lediglich Disjunktionen
unbestimmter, endlicher oder unendlicher, Länge.
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