Das
Fortgeschrittenenpraktikum hatte das Ziel, ein interaktives Werkzeug
zur Erstellung, Bearbeitung und Visualisierung von Kategoriensystemen
und Kategorien zu entwickeln. Dieses Tool sollte der
Beschreibung natürlicher Sprachen dienen (ohne aber auf
dieses Anwendungsgebiet beschränkt zu sein). Kategoriensysteme
sollten durch sogenannte Und-Oder-Bäume repräsentiert
werden, deren besondere Eignung zur Kategorisierung von Sprachen
anhand von linguistischen Charakteristika sich erwiesen hat ([1]).
Das zu erstellende Werkzeug sollte es hierzu erlauben,
Entscheidungsprozesse zur Auswahl einzelner Kategorien
in einer interaktiven,
graphischen Umgebung mit Hilfe solcher Bäume zu
modellieren und durchzuführen.
Eine Kategorie läßt sich als eine Klasse von Merkmalen auffassen, die einen bestimmten Gegenstand charakterisieren, ein Kategoriensystem als Klasse zusammengehöriger Kategorien. Um eine Beschreibung eines Gegenstandes durchführen zu können, wird ein passendes Kategoriensystem vorgegeben. Die Aufgabe des Beschreibers ist es dann, aus diesem Kategoriensystem eine geeignete Kategorie auszuwählen, der sich der Gegenstand der Beschreibung zuordnen läßt. Diese Kategorie dient dann als formale Repräsentation der charakterisierten Sache und kann so z.B. in einer Datenbank abgelegt, maschinell ausgewertet werden o.ä.. Beispielsweise wird ein Auto vom Typ Golf von der Kategorie "PKW mit Ottomotor" charakterisiert.
Wie
kann ein Kategoriensystem modelliert und dargestellt werden?
Kategorien-systeme sollten möglichst wenig redundant sein und
leicht zu warten (d.h. Änderungen und Hinzufügungen sollten
mit möglichst geringem Aufwand verbunden sein), sowie vor allem
den Beschreibungsprozeß, d.h. die Auswahl einer geeigneten
Kategorie, unterstützen. Natürlich hängt die
Realisierung dieser Anforderungen auch vom zu untersuchenden
Gegenstand ab.
Für die Beschreibung von natürlichen
Sprachen hat sich die Verwendung von sogenannten Und-Oder-Bäumen
als sinnvoll erwiesen ([1]).
Das besondere Merkmal eines solchen Baums ist, daß alle inneren
Knoten entweder Und-Knoten (ramifications)
oder (exklusive) Oder-Knoten (decision nodes)
sind. Die im Praktikum implementierte Variante dieses Baumtyps
erlaubt darüber hinaus noch weitere Knotentypen, siehe
1.1.5.
Ein solcher Baum repräsentiert das Kategoriensystem:
Aspekte und Eigenschaften der zu beschreibenden Gegenstände
werden durch die Kanten bzw. Knoten dargestellt (die Begriffe "Kante"
und "Knoten" (für den der Kante nachfolgenden Knoten)
werden meist synonym verwendet, vgl. 1.1.6). Aspekte ordnet
man als Kinder von Und-Knoten an, Eigenschaften (die möglichen
alternativen Ausprägungen eines Aspekts) dagegen als
Kinder von Oder-Knoten. Eigenschaften und Aspekte, die nur relevant
sind, wenn in den Kategorien, in denen sie vorkommen können,
auch bestimmte andere Merkmale enthalten sind, werden im
selben Teilbaum als Nachkommen dieser Merkmale
angeordnet.
Beispiel: Kategoriensystem "Fahrzeuge" (motorisiert) als Und-Oder-Baum
Jedes
Fahrzeug besitzt die Aspekte "Fahrzeugart" und
"Motor", die beide spezifiziert werden müssen.
Die Fahrzeugart ist entweder "Motorrad" oder "PKW"
oder "LKW", der Motor entweder vom Typ "Hubkolben"
oder vom Typ "Wankel". Ein Hubkolben-Motor wird
durch seine Aspekte "Zündung" und "Anzahl
Zylinder" festgelegt, die Zündung wiederum erfolgt nach Art
eines "Otto"- oder "Diesel"-Hubkolbenmotors
(d.h. sie wird durch Zündkerzen oder Verdichtung
ausgelöst). Ein "Wankel"-Motor wird hier dagegen nur
durch seine "Anzahl Scheiben" näher beschrieben.
Um
mit einem Und-Oder-Baum einen Gegenstand zu beschreiben, müssen
passende zusammenhängende Kanten ausgewählt werden,
angefangen bei der Wurzel: Wie man gesehen hat, verbinden Oder-Knoten
alternative Eigenschaften der zu beschreibenden
Gegenstände. Bereits ausgewählte Oder-Knoten repräsentieren
somit Entscheidungs-Orte, an denen jeweils eines der
Kinder des Knotens auszuwählen ist. Dagegen müssen bei
einem bereits ausgewählten
Und-Knoten, der ja gleichzeitig relevante Aspekte
verbindet, auch jeweils alle Kinder ausgewählt werden.
Eine Entscheidung muß hier also nicht getroffen werden. Somit
kann der gesamte Beschreibungsvorgang als eine Folge von getroffenen
Entscheidungen bei Oder-Knoten verstanden werden. Der
Beschreiber folgt dabei dem hierarchischen Aufbau des Baums
(beginnend beim Wurzelknoten), weil Entscheidungen ggfs. erst dann
relevant werden, wenn andere Entscheidungen, die im selben Teilbaum
näher bei der Wurzel liegen, bereits getroffen wurden.
Um auf
diese Weise anhand des Beispielbaums "Fahrzeuge" ein
konkretes Fahrzeug zu charakterisieren (d.h.
eine geeignete Kategorie festzulegen, der das Fahrzeug zugeordnet
werden kann), folgt man bei der Auswahl von Knoten der
hierarchischen Aufeinanderfolge der möglichen Entscheidungen von
der Wurzel zu den Blättern: Bei Und-Knoten sind alle
ausgehenden Kanten weiterzuverfolgen; "Fahrzeugart" und
"Motor" sind also Aspekte, die beide beschrieben
werden müssen. "Hubkolben" und "Wankel" sind
dagegen nicht miteinander
vereinbar, ebensowenig wie z.B. "Motorrad" und "PKW".
Hier ist jeweils eine Entscheidungen über das weitere Vorgehen
notwendig. Die Beschreibung der Eigenschaften des Aspektes "Zündung"
(also "Otto" oder "Diesel" usw.) ist nur
relevant, wenn als Motor-Typ bereits "Hubkolben" gewählt
wurde. Dagegen kann die Entscheidung für eine Fahrzeugart (PKW,
Motorrad oder LKW) unabhängig von der Wahl des Motortyps
getroffen werden (zu Abhängigkeiten, die sich nicht direkt aus
der Baumstruktur ergeben, siehe 1.1.7).
Möchte
man nun z.B. einen Personenwagen mit einem 12 Zylinder-Dieselmotor
beschreiben, so folgt man den vom Wurzelknoten ausgehenden
Kantenzügen in Richtung der Blätter: Da der Wurzelknoten
ein Und-Knoten ist, also Aspekte verbindet, nimmt man seine beiden
Kinder "Fahrzeugart" und "Motor" in die
Definition der Kategorie auf. "Fahrzeugart" wird durch
einen Oder-Knoten repräsentiert, weshalb hier nur dessen Kind
"PKW" als konkrete Ausprägung des Aspekts
"Fahrzeugart" aufgenommen wird. Beim Oder-Knoten "Motor"
entscheidet man sich für das Kind "Hubkolben". Dieser
Knoten ist ein Und-Knoten, was dazu führt, daß seine
Kinder "Zündung" und "Anzahl Zylinder" beide
ausgewählt und ihre Äste weiterverfolgt werden müssen.
Der Aspekt "Zündung" wird nun noch durch die
Eigenschaft "Diesel" näher spezifiziert. Zuletzt wird
das Textblatt "Anzahl Zylinder", um eine konkrete
Zahlenangabe ("12") erweitert, ausgewählt (Textblätter
werden unter 1.1.5 erläutert).
Graphisch wird hier diese Kategorie innerhalb des Beispielbaums
"Fahrzeuge" in Form von kräftigen schwarzen Linien und
Symbolen dargestellt:

Formal ist ein derartiger Beschreibungsprozeß die Zusammenstellung einer geeigneten Teilmenge von Knoten des Und-Oder-Baums unter der Berücksichtigung der bereits angedeuteten und im folgenden eindeutig festlegenden Regeln. Eine solche Teilmenge heißt Selektion (in der Software-Dokumentation wird der Begriff auch für die konkrete textuelle Darstellung einer solchen Teilmenge verwendet, vgl. 1.2.2.3) und repräsentiert mindestens eine Kategorie aus dem Kategoriensystem. Selektionen sind durch folgende Eigenschaften gekennzeichnet:
- der Wurzelknoten ist enthalten
- ist ein Und-Knoten enthalten, so auch alle seine Kinder
- ist ein Oder-Knoten enthalten, so ist maximal eines seiner Kinder enthalten.
- ist ein Knoten nicht enthalten, so auch keines seiner Kinder
Falls zu jedem Oder-Knoten in der Selektion genau ein Kind enthalten ist, spricht man von einer vollständigen Selektion (oder einfach nur von "Selektion"). Ist dagegen mindestens zu einem Oder-Knoten kein Kind in der Selektion enthalten, so nennt man die Selektion partiell oder unvollständig.
Man
erkennt, daß sich zwei Selektionen zum selben Baum überhaupt
nur durch das Vorhandensein von Oder-Knoten unterscheiden können
(falls man den Inhalt von Textblättern nicht berücksichtigt,
siehe 1.1.5).
Eine vollständige Selektion repräsentiert
genau eine Kategorie, einer partielle Selektion eine Menge von
Kategorien. Partielle Selektionen sind z.B. nützlich, um mehrere
Kategorien mittels einer einzigen Selektion "abgekürzt"
darzustellen (vgl. 2.1.6)
oder um bei einer Anfrage (query) an eine Selektions-Datenbank die
Ergänzungsmöglichkeiten der partiellen Selektion hin zu
mehreren vollständigen Selektionen zu erfragen. Minimale
Selektion zu einem bestimmten Baum nennt man die Selektion mit
der geringstmöglichen Anzahl von Knoten.
Die Kategorie zum
obigen Beispiel (PKW mit Dieselmotor) würde als (vollständige)
Selektion in Mengennotation z.B. so aussehen: { "Wurzelknoten"
"Fahrzeugart" "PKW" "Motor" "Hubkolben"
"Zündung" "Diesel" "Anzahl Zylinder=12"
}.
Die grundlegenden
Modellierungsregeln bei der Baumerstellung wurden bereits erwähnt.
Da sie sich auch direkt aus den Eigenschaften von Selektionen
ergeben, werden sie an dieser Stelle noch einmal zusammengefaßt
dargestellt:
Ist
die Auswahl einer Kante B nur sinnvoll, wenn bereits eine Kante A
ausgewählt wurde, so ordnet man B in dem Teilbaum an, zu dessen
Wurzel A führt. Betrachtet man nur die Oder-Knoten, erhält
man auf analoge Weise die Hierarchie der Entscheidungen: Wurde
ein Kind des Knotens A ausgewählt, ermöglicht dies
nachfolgend die Auswahl eines Kindes des im Teilbaum unterhalb von A
angeordneten Oder-Knotens B. Beispielsweise ist beim Baum "Fahrzeuge"
der Aspekt "Zündung" nur relevant, wenn als Motortyp
vorher "Hubkolben" gewählt wurde.
Schließt
sich die gemeinsame Auswahl zweier Kanten aus, so sollte der kleinste
Teilbaum, der beide Kanten enthält, einen Oder-Knoten als Wurzel
haben. Z.B. sind im "Fahrzeuge"-Baum
die Fahrzeugarten "Motorrad" und "PKW" nicht
gleichzeitig wählbar. Weitere Einschränkungen bei der
Auswahl sind mit Hilfe von Constraints erzielbar, siehe 1.1.7.
Ist die Auswahl aber nicht exklusiv, und besteht die
Verbindung zwischen den beiden Kanten nicht nur aus Und-Knoten, so
können sie unabhängig voneinander selektiert werden. Die
"Fahrzeugart" wird so z.B. unabhängig vom "Motor"-Typ
beschreibbar.
Um den Baum abzuschließen, werden Textblätter
(siehe 1.1.5)
oder Und-Knoten ohne Kinder (sogenannte endings)
verwendet. Aus Sicht des Kategorien-Beschreibers stellen diese
Blätter den Endpunkt des Entscheidungsprozesses dar.
Neben
den erwähnten Und- und Oder-Knoten können Bäume, wie
sie im Praktikum betrachtet wurden, auch noch Textblätter
(text
leaves) und nicht-exklusive
Oder-Knoten (multi-decision
nodes) enthalten.
Textblätter (text leaves) sind Blätter, denen ein Inhalt in Form einer Zeichenkette zugeordnet werden kann (also plain text, dieses Prinzip kann aber problemlos auf andere Inhaltstypen wie Bilder, HTML-Texte oder HTML-Formulare erweitert werden, was bei der Weiterentwicklung der Software im Anschluß an das Praktikum auch geschehen ist). Textblätter repräsentieren mittels dieser Zeichenkette eine Entscheidung. Anders als bei Oder-Knoten hat man hier aber keine vorgegebene Reihe von Alternativen, sondern wählt den Inhalt des Textblattes durch die Aufnahme des Knotens in die Selektion. Man kann dies als eine nähere Spezifikation des dem Blatt zugeordneten Aspektes des zu beschreibenden Gegenstandes sehen. Ansonsten gelten bezüglich der Aufnahme von Textblättern in eine Selektion die selben Regeln wie für jeden beliebigen anderen Blatt-Typ. Um zu einer vorgegebenen Baumstruktur verschiedene Textinhalte zu gestatten, wird im Zuge der Erstellung einer Selektion dieses Attribut eingegeben bzw. verändert. Im oben angegebenen Beispielbaum "Fahrzeuge" sind die Blätter nach den mit "Anzahl Zylinder" und "Anzahl Scheiben" gekennzeichneten Kanten Textblätter. Hier ist bei der Selektion des jeweiligen Blattes eine Zahl einzutragen, die als Eigenschaft (Anzahl der Zylinder bzw. Scheiben) des entsprechenden Motortyps aufzufassen ist. Das Textblatt repräsentiert also vor der Zuordnung einer konkreten Zahl die Menge der natürlichen Zahlen, aus der heraus man sich dann für ein Element zu entscheiden hat.
Nicht-exklusive
Oder-Knoten (multi-decision
nodes) entsprechen
Oder-Knoten, ermöglichen aber die Auswahl von mehreren
Kindern des Knotens. Wurde ein solcher Knoten ausgewählt, dürfen
beliebig viele seiner Kinder in die Selektion
übernommen werden. Wird keines der Kinder ausgewählt, gilt
die Selektion als unvollständig (in diesem Punkt verhalten sich
exklusive und nicht-exklusive Oder-Knoten also gleich). Bei einem
solchen Knoten handelt es sich somit einfach um eine Abkürzung
für die Knotenkombination zur Modellierung unabhängiger
Entscheidungen (vgl. 1.1.4): Ein nicht-exklusiver Oder-Knoten mit den
Kindern K1..n entspricht bzgl. der
Selektionsmöglichkeit von K1..n einem
Und-Knoten, der als Kinder n Oder-Knoten mit jeweils einem Kind Ki
(i=1..n) besitzt. Die genannten Regeln zur Erstellung von Selektionen
müssen für nicht-exklusive Oder-Knoten nicht erweitert
werden.
Obwohl
eine Kante genaugenommen die Verbindung zweier Knoten ist, kann jedem
Knoten mit Ausnahme des Wurzelknotens genau eine hinführende
Kante zugeordnet werden, die mit dem Knoten zusammen als ein einziges
Objekt angesehen werden kann. Die Begriffe "Knoten"
und "Kante" werden daher auch oft synonym verwendet; erst
bei der graphischen Darstellung eines Baumes ist eine Differenzierung
sinnvoll und notwendig. Die Kanten besitzen als Attribut eine
Bezeichnung (Label) und einen Identifikator. Während das
Label der Nennung des durch die Kante repräsentierten Merkmals
(d.h. Aspekt bzw. Eigenschaft) dient, ist letzterer für die
eindeutige textuelle Repräsentierbarkeit von Selektionen bei der
automatischen Verarbeitung wichtig. Näheres hierzu siehe in der
Quellcode-Dokumentation unter 1.2.2.3. Labels werden bei der
graphischen Baumdarstellung zur Beschriftung der Kanten verwendet.
Daher stellt sich für den Beschreiber die Erstellung einer
Selektion subjektiv als Auswahl ("Aktivierung")
von Kanten dar.
Sowohl mit
Knoten als auch mit Kanten kann optional ein Hilfetext verknüpft
werden. Er dient vor allem zur Beschreibung der entsprechenden
Eigenschaft bzw. des Aspektes, die bzw. der durch die Kante
repräsentiert wird, fungiert also bei Kanten als ausführliche
Variante des Labels und bei Knoten als Beschreibung der
Entscheidungsmöglichkeiten, die mit dem Knoten verbunden sind
(dies macht natürlich nur bei Oder-Knoten und nicht-exklusiven
Oder-Knoten Sinn). Weiterhin kann jedem Knoten optional ein Dateiname
zugeordnet werden, was ihn zu einem sogenannten Include-Knoten
macht. Teilbäume, die solche Knoten als Wurzeln haben, werden in
jeweils einer eigenen Datei gespeichert. Näheres zu den
Attributen ist unter 1.2.2
zu finden.
Wie
man gesehen hat, unterliegt die Aufnahme von Knoten in eine Selektion
gewissen Zwängen (constraints): Das Vorhandensein von
Und-Knoten kann als Verbot gesehen werden, einen Knoten auszuwählen,
seine Geschwister aber nicht. Oder-Knoten verbieten dagegen umgekehrt
die gleichzeitige Auswahl von Geschwisterknoten. Es kann nun
vorkommen, daß diese Bedingungen nicht ausreichen, d.h. daß
Entscheidungen über die Auswahl von Knoten gemäß den
Selektionsregeln als voneinander unabhängig gelten, obwohl dies
nach Ermessen des Baum-Modellierers nicht der Fall ist (weil ihre
Kombination sinnlos oder unmöglich wäre und zu einer
nichtexistenten Kategorie führte). Im Beispielbaum "Fahrzeuge"
tritt dieser Fall bei der gleichzeitigen Auswahl der Fahrzeugart
"Motorrad" und des Zündungs-Typs "Diesel"
ein. Eine Selektion, in der beide Entscheidungen zusammen getroffen
sind, macht keinen Sinn, da es keine Motorräder mit Dieselmotor
gibt. Hier ist ein zusätzlicher Constraint notwendig, der
eine derartige Selektion verbietet (oder zumindest vor ihr warnt).
Liegt eine verbotene Selektion vor, so gilt der jeweilige Constraint
als nicht erfüllt ("verletzt").
Bei der Formulierung solcher Regeln will man möglichst flexibel
sein, d.h. man will nicht nur Selektionen verbieten, sondern
auch (partielle oder vollständige) Selektionen fordern (ggfs.
in Abhängigkeit von einer Vorbedingung).
Hier bietet sich das "Wenn-Dann"-Schema
an ("wenn
Zustand X gilt, dann muß auch Zustand Y gelten").
Eine derartige Regel könnte für das oben genannten Beispiel
so aussehen (informell): "Wenn in einer Selektion
'Motorrad' vorkommt, dann muß in der Selektion auch (als
Zündungs-Typ) 'Otto' oder (als Motor-Typ) 'Wankel'
enthalten sein, andernfalls gilt der Constraint als verletzt".
Denkbar wäre auch folgende kürzere Alternative: "Wenn
in einer Selektion 'Motorrad' und 'Diesel' enthalten sind,
dann muß darin auch die Kante 'Fehler' vorkommen":
Da es die Kante 'Fehler' im Baum nicht gibt, gilt gemäß
dieser Regel der Constraint immer als verletzt, wenn 'Motorrad' und
'Diesel' gemeinsam selektiert sind. Derartige "Wenn-Dann"-Aussagen
über selektierte Kanten lassen sich schematisieren, wobei man
sich dabei auf Selektionen beschränkt statt mit allgemeinen
Kanten-Mengen zu arbeiten (eine
echte Einschränkung liegt nicht vor, da Kanten sowieso nur als
Elemente einer Selektion gemeinsam selektiert werden können):
Teilaussagen der Form "in der Selektion s kommen die Kanten x
und y und ... vor" kann man als "in der
Selektion s ist als Teilmenge eine Selektion a mit den Elementen x,
y, ... enthalten" schreiben. Teilaussagen der Form "in der
Selektion s müssen (x1 und y1 und
... ) oder (x2 und y2 und
... ) oder ... vorkommen" werden analog zu "in der
Selektion s ist als Teilmenge eine Selektion b1 mit den
Elementen x1, y1,... enthalten oder eine
Selektion b2 mit den Elementen x2, y2,...
oder ... ".
Solche Teilaussagen werden nun
folgendermaßen formalisiert
und mittels Wenn-Dann-Beziehung verknüpft:
Ein Constraint ist eine logische Formel
der Form
A => B1 v ... v Bn, deren
Wahrheitswert angibt, ob der Constraint bei Vorliegen einer konkreten
Selektion s erfüllt ist (d.h. "wahr"
ist im Sinne von "er wird von der Selektion s nicht verletzt")
oder nicht ("die Selektion s ist verboten"). A und B1..n
sind dabei Aussagen über partielle oder vollständige
Selektionen a, b1..n. Eine solche Aussage ist
genau dann "wahr",
wenn die zugehörige Selektion eine Teilmenge von s ist. Somit
gilt: Der Constraint ist genau dann erfüllt, wenn A nicht gilt
oder mindestens eine Aussage Bk (k aus 1..n) schon.
Die allgemeine Klauselform A1 ^...^ Ak => B1
v...v Bn ist nicht erforderlich, denn die Selektionen der
linken Seite der Implikation lassen sich zu einer einzigen Selektion
a zusammenfassen (die Vereinigung der a1..k).
Bei den Selektionen a, b1..n darf es sich
auch um Selektionen handeln, die nicht aus dem Baum erstellt werden
können, aus dem s selektiert wird. Eine solche Selektion heißt
unmöglich, die zugehörige Aussage ist daher immer
"unwahr".
Um beispielsweise eine bestimmte Selektion s zu verbieten, würde
man a=s setzen, n=1, und b1 gleich einer unmöglichen
Selektion ({ "Fehler" } im obigen Beispiel ist eine
solche). Soll dagegen eine Selektion s immer einer der Selektionen
b1...n entsprechen, so wird man für a die minimale
Selektion wählen (vgl. 1.1.4).
Da die Selektionen a, b1..n partiell sein
dürfen, lassen sich mit ihnen auch Kategorien-Mengen
beschreiben. Partielle Selektionen im Zusammenhang mit Constraints
nennt man auch Selektionsmuster, da bei der Auswertung des
jeweiligen Constraints geprüft wird, ob die konkrete Selektion s
zu einem solchen Selektionsmuster "paßt"
(pattern matching). Zusammen mit einem Baum
können außerdem beliebig viele Constraints angegeben
werden, die bei der Selektionserstellung gleichzeitig erfüllt
sein müssen.
Die
Modellierung von Kategoriensystemen in Form von Bäumen und das
Auswählen von Kategorien (Selektionen) sind zwei
grundverschiedene Vorgänge, die üblicherweise nicht nur in
getrennten Arbeitsschritten, sondern auch von unterschiedlichen
Benutzergruppen durchgeführt werden. Die Erstellung von
Selektionen ist Aufgabe der Beschreiber (User), während
Bäume nur von einem Superuser modelliert und
administriert werden können und dürfen. Eine Überschneidung
zwischen den Aufgaben dieser Gruppen tritt allerdings gewissermaßen
beim Zuordnen des Inhalts von Textblätter auf. Dies kann sowohl
als Teil der Baumerstellung verstanden werden (der Superuser ordnet
bestimmten Textblättern geeignete Default-Werte zu), als auch
des Entscheidungsprozesses (vgl. 1.1.5).
In der Praktikums-Software ist die Trennung zwischen User und
Superuser nur durch die entsprechende Vergabe von Zugriffsrechten
geregelt (vgl. 2.2.1). Der
Superuser arbeitet dadurch prinzipiell mit derselben
Bedienungsoberfläche wie der User, hat aber mehr Funktionen zur
Verfügung; insbesondere ist nur ihm die Erstellung von Bäumen
erlaubt. Es ist allerdings vorgesehen, daß der User Vorschläge
zur Baummodellierung machen kann, die dann vom Superuser geprüft
und ggfs. umgesetzt werden (unterstützt
von der Praktikums-Software, vgl. 2.5). Dies ist
insbesondere dann denkbar, wenn der User im Baum keine passende
Kategorie für den Beschreibungs-Gegenstand findet.