3.5 Interpretationen und Modelle von Formeln der PL1S
Die Semantik für die PL1S ist wesentlich komplizierter als die Semantik
für die Aussagenlogik. Znächst muss sie festlegen, für welche Objekte die
Konstanten und andere Terme stehen können. Die Menge aller betrachteten
Objekte wird im sogenannten Universum (oder Diskursuniversum) zusammengefasst.
Darauf aufbauend ist zu definieren, wie der Wahrheitswertvon
atomaren Formeln zustande kommt. Ferner muss die Deutung der Quantoren festgelegt werden. Das einzige, was einfach aus der Semantik der
Aussagenlogik übernommen werden kann, ist die Deutung der Junktoren.
Trotzdem ist die Semantik der PL1S nur eine Erweiterung der Semantik für
die Aussagenlogik. Die folgenden beiden Sätze sind nützliche Hilfsmittel für die erforderlichen
Definitionen und können ähnlich bewiesen werden wie Satz 3.3.2.
Satz 3.5.1 (Definitionsprinzip der strukturellen Rekursion für Terme der PL1S).
Sei
eine Sprache
der Prädikatenlogik erster Stufe. Um eine Funktion
Φ:τ
→B
von der Menge der
-Terme
in einen Wertebereich B eindeutig zu
definieren, genügen folgende Angaben für Φ:
-
Basisfälle:
1.1 Der Wert von Φ auf jeder Variablen wird explizit angegeben.
1.2 Der Wert von Φ auf jeder Konstanten wird explizit angegeben.
-
Rekursionsfälle:
Der Wert von Φ auf zusammengesetzten Termen der Gestalt f(t1,...,tn)
wird für jedes n-stellige (n≥1) Funktionssymbol f in Abhängigkeit von den
Werten von Φ auf den Termen t1 und ... und tn definiert.
Eine Interpretation für eine Sprache
der Prädikatenlogik erster Stufe
muss in erster Linie die Symbole der Signatur von
interpretieren. Die
Grundidee ist, dass sie den Funktionssymbolen Funktionen zuordnet und den
Relationssymbolen Relationen. Zusätzlich müssen aber auch die Variablen
berücksichtigt werden. Dies geschieht durch eine sogenannte Umgebung.
Definition 3.5.3 (Umgebung).
Eine D-Umgebung (oder D-Variablenbelegung, kurz D-Belegung) in eine
nichtleere Menge D ist eine Funktion U, die jeder Variablen x einen
Wert U(x) ∈ D zuordnet.
Definition 3.5.4 (Interpretation einer Sprache der PL1S).
Sei
eine Sprache der Prädikatenlogik erster Stufe. Eine
-Interpretation M
ist ein Tripel (D,Ab,U) mit:
- D ist eine nichtleere Menge, genannt das Universum von M (auch: Diskursuniversum, Diskursbereich, Domäne).
- Ab ist eine auf der Signatur von
definierte Abbildung mit:
- Ab bildet jedes n-stellige (n≥1) Funktionssymbol f von
ab auf eine Funktion Ab(f): D x ... x D -> D
Für n=0 ist Ab(f) ∈ D.
- Ab bildet jedes n-stellige (n≥1) Relationssymbol p von
ab auf eine Relation Ab(p) ⊆ D x ... x D
Für n=0 ist Ab(p) ∈ {w,f}
- U ist eine D-Umgebung.
Ist M=(D,Ab,U) eine
-Interpretation, so bezeichnet
Univ := D das Universum von M
fM := Ab(f) die Funktion zum Funktionssymbol f
pM := Ab(p) die Relation zum Relationssymbol p
Das Universum einer Interpretation darf nicht leer sein, damit U und Ab überhaupt definierbar sind.
Außerdem würde sonst der (uninteressante) Sonderfall auftreten, dass jede Existenzaussage von vornherein falsch wäre.
Definition 3.5.5 (Wert eines Terms unter einer Interpretation).
Der Wert tM eines
-Terms t unter einer
-Interpretation M=(D,Ab,U) ist
rekursiv über den Aufbau von t definiert:
xM := U(x) (Variable)
cM := Ab(x) (Konstante)
f(t1,...,tn)M := Ab(f)(t1M,...,tnM) (zusammengesetzter Term)
Diese Definition ist eine Anwendung des Definitionsprinzips der strukturellen Rekursion für Terme. Der Wert
eines Terms unter einer Interpretation ist immer ein Objekt aus dem Universum der Interpretation.
Notation 3.5.6. Ist D eine
nichtleere Menge, U eine D-Umgebung, ferner d ∈ D und x eine Variable, so
bezeichnet U[d/x] die folgende D-Umgebung:
| U[d/x](y) := |
U(y) | falls y ≠ x |
|
d | falls y = x |
Ist
M=(
D,Ab,U) eine

-Interpretation und d ∈ D, so bezeichnet M[d/x] die

-Interpretation (
D,Ab,U[d/x]).
Definition 3.5.8 (Modellbeziehung, Folgerungsbeziehung, logische Äquivalenz).
M bezeichne eine
-Interpretation, F und G bezeichne
-Formeln,
S bezeichne eine Menge von
-Formeln.
- M erfüllt F (oder M ist ein Modell von F) gdw. M
F.
Andernsfalls: M falsifiziert F, notiert M ? F.
M erfüllt S (oder M ist ein Modell von S), notiert M
S, gdw. M
F für jedes F ∈ S.
Andernfalls: M falsifiziert S, notiert M ? S.
- Eine
-Formel (oder Menge von
-Formeln) heißt
- allgemeingültig gdw. sie von jeder
-Interpretation erfüllt wird
- erfüllbar gdw. sie von einer
-Interpretation erfüllt wird
- falsifiziert gdw. sie von einer
-Interpretation falsifiziert wird
- unerfüllbar gdw. sie von jeder
-Interpretation falsifiziert wird
Eine allgemeingültige Formel nennt man auch Tautologie, eine unerfüllbare
Formel(menge) auch widersprüchlich, eine erfüllbare Formel(menge) auch widerspruchsfrei.
- Aus F folgt G, notiert F
G, gdw. für jede
-Interpretation M gilt:
wenn M
F dann M
G (jedes Modell von F erfüllt auch G).
F, G sind logisch äquivalent, notiert F
G, gdw. F
G und G
F (F und G haben dieselben Modelle).
- Die Folgerungsbeziehung F
G und die logische Äquivalenz F
G sind genauso diefiniert,
wenn F oder G oder sowohl F als auch G eine Formelmenge ist.
Die Bemerkungen, dass das Zeichen
überladen ist und dass eine Menge S nur im endlichen Fall
durch die Konjunktion ihrer Elemente ersetzt werden kann, geleten hier ganz genauso wie die
aussagenlogische Definition 3.3.4. Ferner gilt wie für die Aussagenlogik der Satz:
Die folgenden Sätze haben dagegen keine Entsprechung in der Aussagenlogik, da sie sich auf die Struktur von Termen beziehen.
Beweis: Strukturelle Induktion über den Term- bzw. Formelaufbau.
- Basisfall Variable x: nach Voraussetzung xM1=U1(x)=U2(x)=xM2.
Basisfall Konstante c: nach Definition cM1=Ab(c)=cM2.
Induktionsfall f(t1,...,tn): Es gelte t1M1=t1M2,...,tnM1=tnM2,
dann gilt
f(t1,...,tn)M1 = Ab(f)(t1M1,...,tnM1) nach Definition
= Ab(f)(t1M2,...,tnM2) nach Induktionsannahme
= f(t1,...,tn)M2 nach Definition
- Ähnlich wie 1.
Geschlossene Formeln enthalten nach Definition keine freien Variablen. Dafür bedeutet der Koinzidenzsatz: Ist eine
-Interpretation M=(D,Ab,U) ein Modell einer geschlossenen Formel F, so ist für jede beliebige D-Umgebung U' die
-Interpretation M=(D,Ab,U') ebenfalls ein Modell von F.
Die Umgebung dient also nur dazu, nichtgeschlossene Formeln zu interpretieren, wie etwa die nichtgeschlossene Teilformel G von ∀xG und ∃xG in Definition 3.5.7. Für geschlossene Formeln ist die Umgebung irrelevant.
Notation 3.5.11 (Elementare Substitution). Seien
s und
t

-Terme, F eine

-Formel und
x eine Variable.
- t[s/x] sei der Term, der entsteht, wenn man alle Vorkommen von x in t durch s ersetzt.
- F[s/x] sei die Formel, die entsteht, wenn man alle freien Vorkommen von x in F durch s ersetzt.
Dabei heißt [
s/
x] eine elementare Substitution.
Bemerkung: Im Ersetzungssatz 3.3.6 wurde die Notation F <G2/VG1> für
die Ersetzung eines Vorkommens der Formel G1 in F durch G2 benutzt. Im Gegensatz dazu
bezeichnet die Notation F[s/x] die Ersetzung aller freien Vorkommen der Variablen x in F
durch s. Die unterschiedlichen Notationen <...> und [...] sollen diesen Unterschied hervorheben.
Die Notation F[s/x] erinnert an die Schreibweise M[d/x] (Notation 3.5.6)
für eine Interpretation und ihre Umgebung. Aber s ist ein Term, also etwas syntaktisches, und d ein Objekt
des Universums von M, also etwas semantisches. Der folgende Satz stellt einen wichtigen Zusammenhang her.
Beweis: Strukturelle Induktion über den Term- bzw. Formelaufbau.
Der Substitutionssatz erlaubt eine Art Übersetzung zwischen Syntax und Semantik: der syntaktische
Term s entspricht semantisch einem Objekt sM des Universums. Es ist egal, ob man
einer Variablen dieses Objekt semantisch über die Umgebung zuordnet (mittels M[sM/x])
oder die Variable syntaktisch durch den Term ersetzt (mittels t[s/x] bzw. F[s/x]).
Der Endlichkeits-/Kompaktheitssatz für die Prädikatenlogik erster Stufe benötigt Hilfsmittel, die an dieser Stelle noch nicht zur Verfügung stehen. Er wird erst in Kapitel 4 behandelt.
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